Kodak Retina Reflex S top 4/135

Die Kodak Retina Reflex S

Die Kodak Retina Reflex S ist für mich die wertvollste Kamera meiner Sammlung.  Nicht nur weil sie die erste Kleinbild SLR der Sammlung ist, oder weil sie über 50 Jahre alt ist, sondern aus einem viel persönlicheren Grund: die Kodak Retina Reflex S war die Kamera meines Vaters. Mit dieser Kamera habe ich meine ersten Fotos gemacht, und diese Kamera hat auch die ersten Fotos von mir gemacht.
Soweit ich mich erinnern kann, hatten wir sie in jedem Urlaub mit dabei, bis sie später von einer Minox 35 ML ersetzt wurde (Auf der Liste stand damals auch eine Pentax auto 110 super, aber das ist eine andere Geschichte). Da die Kamera bei uns eher ein Werkzeug als ein kostbares Instrument war, (mein Vater hat immer nur den unteren Teil der Bereitschaftstasche ohne den “klobigen” Objektivschutz benutzt) sieht man ihr ihr Alter und die rege Benutzung an: Die Objektive haben Dellen, das Gehäuse ein paar kleine Kratzer, und der Lack an der Rückseite ist an manchen Stellen abgeschabt. Das 135 mm Teleobjektiv war leider auch sehr auf der Linse zerkratzt, was zwar auf Bildern fast nicht zu sehen war, trotzdem habe ich es durch ein “neues” ersetzt. Aber bis auf diese Patina, die der Kamera natürlich sehr gut steht, funktioniert sie tadellos. Da die Kamera extrem kompliziert zu reparieren sein soll, behandele ich sie jetzt so pfleglich wie möglich, damit auch die nächsten Generationen noch Freude an ihr haben. Und zwar um damit zu fotografieren, nicht nur als Vitrinenstück.

Über die Kamera: Kodak, berühmter für Filme als für Kameras, baute zu Beginn nur günstige (Rollfilm) Kameras, vor allem um den Verkauf der Filme zu unterstützen. 1931 kaufte Kodak das Dr. August Nagel Kamerawerk in Stuttgart, um dort Kameras für den 35mm Kleinbildfilm zu produzieren. 1934 erschien die Kodak Retina, eine faltbare Sucherkamera. Für die Kamera wurde die lichtdichte Kleinbildpatrone Typ 135 entwickelt, die jetzt in nahezu allen Kleinbildkameras verwendet wird. 1936 folgten die Retina I und die Retina II, letztere eine Messsucherkamera. 1951 erschienen die Ia und IIa, leicht modernisierte Versionen der Vorkriegsmodelle. 1957 kam mit der Retina IIIC (die Nachfolgerin der Retina IIIc, ersten Kamera mit eingebautem Belichtungsmesser) auch die Retina Reflex als erste SLR der Reihe auf dem Markt. Die Retina Reflex war technisch eine Retina IIIc, die mit einem Schwingspiegel und einem Pentaprisma zur Spiegelreflexkamera umgerüstet wurde. Die Objektive waren Vorsatzlinsen, die letzten Linsengruppen und die Blende waren fest in der Kamera verbaut. 1959 erschien dann “meine” Kodak Retina Reflex S mit “richtigen” Wechselobjektiven auf dem Markt. Zeitgleich wurde auch die Retina IIIS Messsucherkamera vorgestellt, die die gleichen Objektive verwenden kann (ja, das bedeutet dass ich die auf der Wunschliste habe). 1961 erschien die Retina Reflex III und 1964 die Reflex IV als letztes Modell bevor die Produktion 1966 eingestellt wurde.
Wie auch andere bekannte Stuttgarter Produkte mit einem “S” im Namen ist die Kamera sorgfältig und mit extremer Qualität hergestellt worden, was man sofort am Gewicht bemerkt. Mir gefallen besonders die kleinen Details, wie zum Beispiel der Knopf zum Öffnen der Rückwand, der erst durch drehen einer gefederten Drehsicherung zum Vorschein kommt. Versehentliches öffnen ist dadurch fast ausgeschlossen. Auch das der Filmtransport nach der voreingestellten Anzahl von Aufnahmen gesperrt wird, finde ich sehr praktisch. Vor allem seitdem ich mit meiner Yashica Electro 35 GT mal einen Film abgerissen habe. Der kleine Knopf zum Einstellen kann allerdings leicht mit dem Auslöser verwechselt werden (wie bei meiner Smena) und die Anordnung des Spannhebels auf der Unterseite der Kamera ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Ich kenne das zum Glück schon von meiner Chaika 3 und der Zorki 10.
Die Retina Reflex S hat einen gekoppeltem Selen-Belichtungsmesser, Zeitauslöser und einer Art mechanischer Programmautomatik. Blitzanschluss erfolgt über einen PC Anschluss, natürlich hat die Kamera auch ein Stativgewinde und einen Anschluss für einen Drahtauslöser.
Für die Kamera gab es 15 verschieden Objektive von Schneider-Kreuznach und von Rodenstock. Bis jetzt habe ich drei Schneider-Kreuznach Objektive: das ƒ:4/28 Weitwinkel, das Standard ƒ:2.8/50 Normalobjektiv (das lichtstärkere ƒ1.9/50 Objektiv erhöhte den Kaufpreis damals von 578,- DM auf 680,- DM !) und ein ƒ4:135 Teleobjektiv. Für das Normalobjektiv kaufte ich zum Skylightfilter noch einen Grünfilter und drei Nahlinsen sowie eine aufschraubbare Sonnenblende aus Gummi (die original Sonnenblenden waren rechteckig und wurden mit einem Bajonettverschluss an der Linse angebracht).
Nach heutigen Massstäben ist die Kodak Retina Reflex S eine recht kompakte Spiegelreflexkamera, und dazu noch äusserst leise.

Zum Fotografieren: Kamera mit dem versteckten Knopf unter der Stativgewinde öffnen, Film einlegen. Knopf auf der Anzeige der Filmempfindlichkeit drücken, zeitgleich am Einstellrad unter dem Objektivanschluss drehen und so die Filmempfindlichkeit einstellen. Jetzt bei gedrücktem Knopf neben dem Bildzähler mit dem Schieber rechts neben dem Sucher den Zähler auf die ♦ passend zum eingelegten Film (24 oder 36 Aufnahmen) stellen, zweimal spannen und auslösen und es kann losgehen. (Natürlich ist das viel unkomplizierter als es sich hier liest.)
Jetzt Kamera auf das Motiv richten, und mit dem Einstellrad den kleinen Pfeil auf die Nadel des Belichtungsmessers ausrichten. Jetzt wird es seltsam: Wenn man jetzt mit die Belichtungszeit am Objektiv wechselt, wird gleichzeitig die Blende verstellt. Die Idee war, das Fotografieren einfacher zu machen, Kodak sprach damals von einer Belichtungsautomatik. Mit dem Einstellrad wird eigentlich nicht die Blend, sondern der Lichtwert festgelegt, der Zeitring stellt dann die möglichen Blenden/Zeitkombinationen für diesen Lichtwert zur Verfügung. (Wenn ihr euch je in Mathe gefragt habt, wozu man im echten Leben jemals eine Logarithmusfunktion braucht: genau dafür). Dabei sind nur die schwarzen Zeiten aktiv, die grünen dienen nur zur Erinnerung für lange Zeiten im “B” Modus.
Der Schärfebereich wird mittels kleiner Zeiger auf den Objektiven angezeigt, sehr praktisch, macht die Objektive aber nicht unbedingt einfacher zu reinigen.
Zum Scharfstellen steht sowohl das Sucherbild als auch ein Schnittbild-Entfernungsmesser zur Verfügung. Nach dem Auslösen wird und bleibt es dunkel, da der Spiegel wie damals üblich erst nach dem Spannen wieder herunterklappt.
Die Kamera kann mit Filmen mit einer Empfindlichkeit von 24 bis 3200 ISO arbeiten, die Blenden reichen (je nach Objektiv) von ƒ 1,9 bis 22, die Belichtungszeiten von einer bis 1/500 Sekunde, natürlich gibt es auch ein “B” Einstellung. Wenn man, wie in der Anleitung ausdrücklich erwähnt, während des Spannens den kleinen Knopf neben/im Spannhebel drückt, werden Mehrfachbelichtungen möglich. Wenn man den kleinen Knopf links vom Objektiv eindrückt kann der Zeitauslöser rechts am Objektiv eingestellt werden, dazu bringt man ihn in die Position “V”. Mit diesem Hebel wird auch der Blitzmodus von “X” für elektronische Blitzgeräte auf “M” für Blitzbirnen umgestellt. Wie ihr an der Beschreibung merkt, braucht man sehr, sehr oft beide Hände um etwas an der Kamera einzustellen.
Bei Gegenlicht kann entweder manuell ausgeglichen werden, oder der Belichtungsmesser abgedeckt werden und direkt am Motiv gemessen werden. Diese Abdeckung ging mit den Jahren leider verloren.
Für Nahaufnahmen (bis 15cm) können Nahlinsen einzeln oder kombiniert auf das 50mm Objektiv aufgesetzt werden. Werden Filter verwendet, müssen die Zeiten manuell angepasst werden, da der Belichtungsmesser nicht wie bei anderen Kameras unter dem Filter sitzt, von TTL ganz zu schweigen.
Das hört sich alles in allem extrem kompliziert an, wenn man das System aber einmal verstanden hat, kann man die Kamera schnell und blind bedienen und wird mit traumhaft scharfen Bildern belohnt.

DSCN3939 DSCN3943 DSCN3945 DSCN3956 DSCN3951 DSCN3955 DSCN3958 DSCN3957 DSCN3960 DSCN3959 DSCN3942 DSCN3962 DSCN3963 DSCN3858 retinareflex005 imm015_16A imm014_15A imm013_12 imm010_9 retinareflex014

Marke  Kodak
Kamera  Kodak Retina Reflex S
Baujahr  ?, Bauzeit von 1959 – 1960
Seriennummer  84322
Objektiv  Schneider – Kreuznach Retina-Curtagon 1:4 / 28 mm 9926853
Schneider – Kreuznach Retina-Xenar 1:2.8 / 50 mm 7662634
Schneider – Kreuznach Retina-Tele-Xenar 1:4 / 135 mm 6966490 & 7547543
Verschluss  Synchro-Compur Zentralverschluss
Filmformat  35 mm Kleinbild
Besonderheiten  Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluss
Zubehör  Bereitschaftstasche, UV & Grünfilter, Nahlinsen N1, N2 und R, Sonnenblende (nicht original)
Hersteller  Kodak AG, Stuttgart, Germany
Kaufdatum  1960
Preis  578,- DM
Wo gekauft:  Villingen im Schwarzwald

Tipps & Tricks: Am allerwichtigsten: auf die Kamera aufpassen. In allen Artikeln habe ich gelesen, dass die Kamera sehr schwer zu reparieren ist. Im Notfall hat Chris Sherlock nicht nur Reparaturanleitungen, sondern bietet auf http://retinarescue.com/ auch einen Reparaturservice an. Falls eure Objektive Kratzer haben, nicht verzweifeln sondern erstmal ein paar Fotos machen. Ich habe mein verkratztes 135mm Objektiv nur ausgewechselt, weil ich für 30 € ein fast-wie-neues gefunden habe und ich eine Schraube für die Reparatur des 50mm Objektivs brauchte. Das war auch die einzige Reparatur die ich selber gemacht habe, im Gegensatz zu meinen anderen Kameras traue ich mich bei dieser auch nicht mehr. Aber das liegt vor allem daran, das sie für mich einen einmaligen Wert hat.

Filmkauf & Entwicklung: Von 25 bis 3200 ISO kann jeder Kleinbildfilm verwendet werden. Ich würde mindestens einmal mit 100 ISO schwarzweiss fotografieren, damit ihr seht wie scharf die Bilder sind. Entwicklung wie immer bei normalem Kleinbild kein Problem.

Weiterführende Links:
http://kodak.3106.net/download/RetinaReflexS.pdf (Verkaufsbroschüre)
http://kodak.3106.net/index.php?p=301&cam=915 (Guide)
http://www.butkus.org/chinon/kodak/reflex_s/retina_reflex_s.html (Anleitung)
http://knippsen.blogspot.de/2012/04/kodak-retina-reflex-s.html (Bericht mit schöner Visualisierung des Belichtungsmessers)
http://retinarescue.com/ (Reparaturanleitung und Reparatur)

Bilder:
Meine Bilder auf Flickr

Noch eine Anmerkungen: Lange bevor ich mit der Kamera Sammlerei anfing, träumte ich von einer Sammlung der anderen schweren Stuttgarter Qualitätsprodukte mit einem “S” im Namen. Der erste Versuch endete im unten zu sehenden Desaster, was mir im Nachhinein eine Menge Zeit, Nerven und vor allem Geld gespart hat. Zum Vergleich: ein Scheinwerfer war teurer als meine komplette Sammlung zusammen.

Mercedes-Benz 280 SE (W 108)

English version

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9 thoughts on “Die Kodak Retina Reflex S

  1. Danke für den Bericht.

    Habe auch gerade die Retina Reflex S meines Vaters ausgegraben, mit der ich in den 70er Jahren meine ersten Aufnahmen machte, Sie funktioniert (Film ist schon eingelegt)!

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